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"Bin sehr stolz auf meine Feuerwehren"

Interview zum ersten Jahrestag des Zugunglücks von Bad Aibling (Bayern)

"Bin sehr stolz auf meine Feuerwehren"
Der Rosenheimer Kreisbrandrat Richard Schrank spricht im Interview über seine persönlichen Eindrücke. Foto: Kreisfeuerwehrverband Rosenheim

Am 9. Februar 2017 jährt sich das Zugunglück von Bad Aibling zum ersten Mal. Beim Frontalzusammenstoß zweier Personenzüge auf einer eingleisigen Strecke verloren zwölf Menschen ihr Leben, mehr als 80 Fahrgäste wurden – zum Teil schwer – verletzt. Die ganze Region stand am sonst so bunten und fröhlichen Faschingsdienstag unter Schock. Für die Rettungskräfte stellte das Unglück eine enorme körperliche und nicht zuletzt auch seelische Belastung dar. Lauffeuer-online hat mit dem Rosenheimer Kreisbrandrat Richard Schrank über seine persönlichen Eindrücke und Erfahrungen aus dem Großeinsatz gesprochen

 

Herr Schrank, wie haben Sie damals die ersten Minuten nach der Alarmierung erlebt?

Die Informationen während der Anfahrt, die uns über Funk mitgeteilt wurden, ließen nichts Gutes erahnen und deshalb wurden auch schon zu diesem Zeitpunkt weitere Kräfte nachalarmiert. An der Einsatzstelle zeigte sich uns ein eigentlich nicht fassbares Bild. Eindrücke, die über den normalen Rahmen einer Vorstellung weit hinausgingen. Auf der einen Seite die Morgendämmerung mit für diese Jahreszeit angenehmen Temperaturen, schönes Wetter und zwitschernde Vögel. Genau gegenüber absolutes Chaos und das Leid der vielen schwer und teils lebensgefährlich verletzten Menschen, Hilferufe an jeder Stelle.

 

Auf welche Weise ist es dann gelungen, die Arbeit der vielen beteiligten Rettungsorganisationen zu koordinieren?

Eine Frage, die mir oft gestellt wurde und auf die man nur schwer die wirklich richtige Antwort finden kann. Dennoch waren zwei Punkte dabei wesentlich. Das Konzentrieren auf gelernte Strukturen in der Erstphase: Erkunden, Beurteilen, Entscheiden sowie Befehle unverzüglich umsetzen. Und diesen Vorgang schließlich ständig wiederholen und auch dabei die Ergebnisse daraus immer neu bewerten. Dieses Vorgehen aber nicht nur konzentriert auf einen Menschen beziehungsweise einen kleinen Bereich, sondern tatsächlich auf die Gesamtlage. Entscheidend aber ist zu erwähnen, dass man dies nicht alleine macht, sondern zusammen mit erfahrenen Kräften - den Einsatzleitern von Feuerwehr, Rettungsdienst, Technischem Hilfswerk und Polizei - versucht, die Aufgabe bestmöglich zu lösen. Die sehr schnelle Abarbeitung dieses schweren Unglücks konnte nicht von einer Hand geleistet werden, sondern war das Ergebnis einer sehr vertrauensvollen und kompetenten Zusammenarbeit über alle Fachdienste hinaus.

 

Gab es trotz des großen menschlichen Leids und der schlimmen Szenen auch positive Momente während des Einsatzes?

Während des laufenden Einsatzes haben diese, insbesondere unter dem Druck und dem schrecklichen Gesamtereignis, keinen Platz. Im Nachgang freut man sich über jeden Menschen, der von den vielen Helfern gerettet oder dessen Leid dadurch gemindert werden konnte. Die Freude allgemein hält sich natürlich angesichts der vielen Toten sehr in Grenzen.

 

Wie wurde vor Ort und im Anschluss mit der extremen psychischen Belastung der Einsatzkräfte umgegangen?

Bereits während der Rettungsarbeiten wurde das Team für die psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte der Stadt und des Landkreises Rosenheim verständigt, um sich frühzeitig auf die Situation einstellen und den Helfern unverzüglich nach dem Einsatz zur Verfügung stehen zu können. Noch Wochen danach war es den Helfern möglich, auf die großartige Leistung dieses Teams zurückzugreifen und ich bin überzeugt, dass dadurch viele Belastungen bei den Einsatzkräften wesentlich gemildert wurden. Vergessen wird dieses Ereignis dennoch niemand können.

 

Welches persönliche Fazit ziehen Sie heute, ein Jahr nach dem Unglück, aus dem Einsatz?

Viele Einsatzkräfte haben an diesem Tag weit mehr geleistet, als es nach üblicher Einschätzung überhaupt möglich sein kann. Die Zusammenarbeit aller Hilfskräfte war meines Erachtens vorbildlich und das führe ich darauf zurück, dass wir uns über die fachlichen Grenzen hinaus gut kennen und wir wissen, was der andere leisten kann. Das Vertrauen in sein Gegenüber prägt das Bild der Hilfsdienste im Rosenheimer Land untereinander. Persönlich bin ich sehr stolz auf meine Feuerwehren, deren professionelle ehrenamtliche Arbeit und auf das enge Miteinander unter den weiteren Hilfsdiensten und der Polizei. Wir wissen nicht, was uns morgen erwartet. Aber wir wissen, dass wir Hand in Hand unser Bestmögliches für die Bürger leisten werden.

 

gr

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