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Einsatzrep_Metro_Paris

Feuer auf Linie 4!

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Paris: Millionenstadt mit ganz eigenem Flair und ganz eigenen Mythen. In der Tourismusmetropole transportiert die legendäre "Métro" mit ihren 200km Streckennetz täglich rund 3,5 Mio. Menschen durch den Bauch der Stadt. Das birgt natürlich auch etliche Gefahren, auf die die Pariser Feuerwehr eingestellt sein muss. Der folgende Einsatzreport wird hier mit freundlicher Genehmigung der Pressestelle der Feuerwehr Paris veröffentlicht.

Am Samstag, den 6. August 2005 hatte eine Feuer­meldung in der Métro- Station „Simplon" im 18. Pariser Arrondissement ein Großaufgebot an Feuerwehrleuten zur Folge. Die dortige Untergrundbahn (Linie 4) fährt nicht auf Schienen, sondern auf LKW-Reifen. Ein kleiner Elektromotor über den Bremsbacken hatte sich auf der dem Bahnsteig abgelegenen Seite des Zuges entzündet und dazu geführt, dass seine Reifen Feuer fingen. Dieses Feuer griff auf die Reifen des in just diesem Moment am gegenüber liegenden Bahnsteig einfahrenden Zuges über. Die Rauchentwicklung war gigantisch; sehr schnell waren mehrere Kilometer des Fußtunnelsystems, das von der Obererde in die unterirdischen Métrostationen führt, komplett verraucht.

Die Métro-Station „Simplon" ist die vorletzte auf der Linie 4 und wird täglich von mehreren tausend Men­schen genutzt. Insgesamt rückten 5 LFs, 10 Lösch-RTWs, 2 Leiterfahrzeuge, 10 Krankenwagen, 2 Atem­schutz­gerätewagen und mehr als ein dutzend Wagen zur logistischen, planerischen und technischen Unter­stützung aus. Als größtes Problem erwies sich die Bekämpfung des Rauchs, der praktisch nicht wegzukriegen war. Normale Rauchbekämpfungsmethoden, wie etwa der auch in Frankreich bekannte und benutzte Lüfter, brachten kaum Abhilfe, da sie den Rauch nur im Tunnelsystem verteilten und ihn „unter Tage" hielten, statt ihn hinauszupusten. Er breitete sich schließlich sogar noch auf die Stationen „Gare du Nord" und „Clignancourt" aus. „Gare du Nord" ist eine der größten Stationen in Paris und liegt mehr als einen Kilometer von der Brandstelle entfernt. „Clignancourt" befindet sich 300 Meter zur anderen Richtung. Beide Stationen sind nur über den Gleistunnel mit der Brandstelle verbunden. So wurde die Evakuierung auch dieser Statio­nen herbeigeführt.

Ein weiteres großes Problem war die Lokalisierung des Feuers, das sich zwischen den beiden Waggons gebildet hatte. Diese Stellen sind selbst ohne Rauch praktisch nicht zugänglich: Die Métros fahren in den Stationen so dicht aneinander vorbei, dass nicht einmal ein gebrauchs­übliches Handy zwischen die Waggons passt. Nun befand sich das Feuer auch noch unter den Waggons...

 

Auslösung des „Interfer-Plans"

Der erste Notruf lief gegen 16.42 Uhr in der Leitstelle auf. Die Polizei meldete eine enorme Rauchentwicklung in der Station, Evakuierungsmaßnahmen waren bereits im Gange. Eine Minute später wurde durch Mitarbeiter der Métro-Betreibergesellschaft RATP der Brand eines Wagens gemeldet. Der erste Offizier der erstausrückenden Wache Montmartre, Jacques Dauvergne, beschloss nach kurzer Rücksprache mit dem ranghöchsten Chef der Leitstelle die Auslösung des so genannten „Interfer- Plans", eines speziell für Eisenbahnunglücke zugeschnittenen taktischen Entwurfs, der etwa Ausrückeordnung und Vorgehen bei Tunnelbränden regelt.

Fünf Minuten nach Eingang der Notrufe waren die Fahrzeuge vor Ort. Oberirdisch entsprach die Lage dem normalen Pariser Chaos: Zum Zeitpunkt des Brands, einem Samstagnachmittag, waren Fußgänger und Autos zahlreich vorhanden. Allerdings sperrte die Polizei sehr schnell einen großzügig angelegten Sicherheitsring um die Einsatzstelle ab, so dass nach wenigen Minuten die Arbeit ohne Störungen aufgenommen werden konnte. Mitarbeiter der RATP halfen den ankommenden Feuerwehrmännern am Eingang mit Informationen zur Station. Bereits zu diesem Zeitpunkt waren durch die schnellen und geschulten Reaktionen der Beteiligten alle Reisenden sicher evakuiert.

 

Plötzliche Rauchwand

Bei Alarmierung der Feuerwehrleute hatte das Feuer noch nicht auf die Reifen der beiden in der Station stehenden Métro-Züge übergegriffen, so dass zunächst auch kein Rauch aus den Stationen kam. Die ersten Angriffstrupps konnten daher noch ohne größere Siche­-r­ungsvorkehrungen hinabsteigen, wo auf Ebene der Kontrollmaschinen die Bahnfahrer warteten. Erst plötzlich - es muss in dem Moment gewesen sein, als die Reifen sich entzündeten - kam eine schwarze Rauch­wand auf die Feuerwehrleute zu, die schnell die Fahrer in Sicherheit brachten. Bereits wenige Sekunden später erreichte die schwarze Mauer die nächste, 290 Meter entfernt liegende Station. Dies war der Moment, in dem die Evakuierungen auf die umliegenden Métro-Stationen ausgeweitet wurde.

 

Vier geographische Sektoren

Eine Einteilung der Einsatzsektoren wurde mit zunehmender Rauchentwicklung unumgänglich. Zunächst musste die Rauchquelle, das Feuer, direkt bekämpft werden. Dies wurde die Angriffszone. Hier konzentrierten sich die Arbeiten schwerpunktmäßig auf die äußerst schwierige Lokalisierung und Bekämpfung des Brandes. In der zweiten und dritten Zone wurde jeweils versucht, die davor und dahinter liegende Métrostation vom Rauch zu befreien. Man entschied, Lüfter zum einen gegen den Eingang der brennenden Métrostation in Richtung Brandherd zu richten, um den Brandherd etwas auszudünnen, zum anderen aber auch, über die Entlüftungsanlagen der Tunnel selber und entsprechende Lüftervornahme in den umliegenden Métrostationen die Ausbreitung des Qualms zu verhindern. Der Rauch sollte durch die Entlüftung der anderen Stationen entweichen. Praktisch führte dies zwar zunächst zu einer verstärkten Rauchkonzentration im Bereich des Brandherds, was angesichts der Gefahr einer unkontrollierten Ausbreitung des giftigen Rauchs jedoch das kleinere Übel war. Der vierte Sektor ging bis fünf Stationen weit weg von der brennenden Station. Doch bereits an der dritten und vierten Station kam aufgrund der Taktik kaum noch Rauch an.

 

Feuer unter Kontrolle

Schon 45 Minuten nach der Alarmierung konnten die Feuerwehrmänner das Feuer unter Kontrolle bringen - und das, obwohl zwischenzeitlich das Feuer auf die zweite in der Station stehende Bahn übergegriffen hatte. Insgesamt wurden 12 Personen mit Rauchvergiftung ärztlich versorgt, darunter acht Mitarbeiter der Bahn­gesellschaft. Um 18.15 Uhr war der Brand gelöscht. Die Aufräumarbeiten dauerten jedoch die ganze Nacht über. 

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