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Ich steh' halt nicht auf Mädchen?!? - Teil 1

Homosexuelle Jugendliche in der Jugendfeuerwehr

Ich steh' halt nicht auf Mädchen?!? - Teil 1

Zugegeben: Es gibt leichtere Themen als dieses. Dennoch will sich Lauffeuer-Online auch Gedanken über Jugendliche machen, die anders sind als andere. Die Deutsche Jugendfeuerwehr ist anerkannter Träger der freien Jugendarbeit und damit Heimat für alle.

 

Komisch. Eigentlich waren es gerade mal fünf Sekunden eines zaghaften Kusses gewesen, aber er fühlte sich plötzlich so anders. Einerseits war das Gefühl schön gewesen, aber dann war da noch diese brennende Angst, et­was Verbotenes getan zu haben und dabei vielleicht beobachtet worden zu sein. So als hätte man etwas aus seinem Innersten preisgegeben, das niemand hatte erfahren sollen. Ihm zitterten die Knie. Seinem Ge­genüber ging es nicht besser, das konnte er sehen. Er blickte ihm ins Gesicht. Sven guckte daraufhin weg, auf den Boden. Dabei hatten sie sich gerade einfach nur geküsst, er, also Christoph, und Sven. Er wusste nicht wieso, es hatte sich irgendwie ergeben. Sie kannten sich schon lange durch mittlerweile zwei gemeinsame Jahre in der Ju­gendfeuerwehr und waren schnell die allerbesten Freunde geworden. Zeltlager, diesen Sommer Training für die Leistungsspange, und jetzt waren sie gerade zu zweit mit dem Rad unterwegs, zwei Freunde eben, hatten rumgealbert und gekabbelt und sich dann plötzlich still gegenübergestanden, sich in die Augen gesehen und sich geküsst. Sven nahm Christophs Hand. Sven bewegte sich nicht, sondern sah von ihm weg auf den Boden. Aber er wehrte sich nicht. Und jetzt? Was war jetzt? Nahm man als 16jähriger Junge einen anderen einfach so an die Hand? Ihm war danach, weil er Sven nun mal so sehr mochte. Und wenn jetzt jemand dort hinten um die Ecke käme? Erschrocken ließ er Svens Hand los.

 

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Homosexuelle Jugendliche in der Jugendfeuerwehr - eine Seltenheit?

Ein Erlebnis zweier Jugend­feuer­wehrleute, irgendwo in Deutschland. Gibt's nicht? Zu unwahrscheinlich scheint es zu sein, denn Jungs, die einen Freund haben, und Mädchen, die eine Freundin haben, kennt man eigentlich nur aus dem Fernsehen. Was dort in der Vorabendserie „Verbo­tene Liebe" ist oder in den Nachmittags- Talk­shows besprochen wird - wo gibt es das schon im eigenen Lebensumfeld? Dann auch noch in der (Jugend-) Feuer­wehr? Gar in meiner? Immerhin scheint es „so etwas" zu geben, denn es gibt sogar eine Internet- Seite www.feuerwehr-gays.de (Anm. der Red: Die Seite ist inzwischen offline), und das Hamburger „Martins­horn" berichtete im Jahre 2001 von der Hochzeit eines Direktions-Jugend­feuer­wehrwartes und seines Freundes. Doch nicht nur das: Bei der Recherche für einen Lauffeuer-Artikel zu diesem Thema via Internet fanden sich recht schnell über eine Suchanzeige fast zwanzig schwule Jugendfeuer­wehr­leute oder solche, die noch bis vor kurzem in der Jugendfeuerwehr gewesen waren. Aus ihren Erzählungen stammen, wenn auch mit meist geänderten Namen, die Be­richte, Texte und Erlebnisse in und rund um diesen Artikel.

 

Homosexualität: Was denkt die Gesellschaft darüber? 

Viele geben Ein­blicke in die Gefühle der Jugendlichen und regen zum Nachdenken an. Sie zeigen vor allem die Schwierigkeiten, die ihnen der Um­gang mit ihrer vielleicht gerade erst be­wusst gewordenen Homosexualität bereitet und warum. Zwar haben sich ausschließlich Jungs zu Wort gemeldet; die Aussagen sind jedoch in der Regel ohne weiteres auf Mädchen übertragbar.

Schwulsein - was bedeutet das eigentlich? Jeder hat seine Vorstellungen darüber, doch sind die so gut wie nie zutreffend. Man kann sich selbst ja mal testen. Die gängigsten Vorurteile sind wohl:

 

  1. Nur Schwule haben AIDS.
  2. Schwule wechseln dauernd den Partner und sind zu keiner langfristigen Beziehung fähig.
  3. Schwule treiben es in Parks und auf öffentlichen Toiletten.
  4. Schwule wollen lieber Frauen sein.
  5. Schwul sein ist eine Krankheit.
  6. Schwule Jungs haben früher mit Puppen gespielt.
  7. Schwule erkenne ich auf 50 m Entfernung.
  8. Schwul sein ist anerzogen.
  9. Schwule verführen kleine Jungs.


Klar ist: Die meisten Jugendlichen, die sich gerade ihrer eigenen Homosexualität bewusst werden, haben die gleichen Einstellungen und Vorurteile bei diesen Fra­gen wie der Großteil der übrigen Gesell­schaft. Wenn sie nun plötzlich erkennen, dass sie selbst auch zum Kreis der so Beurteilten

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Nicht nur in den Jugendfeuerwehren ein sensibles Thema.

gehören, bereitet ihnen das meist große Probleme. Es bedarf für einen Teenager enormer gedanklicher Anstren­gungen, um zu erkennen, dass vieles eben nicht so ist, wie man - und damit auch er selbst - immer dachte. Ohne Kontakt zu Gleichgesinnten wird dies mitunter gar nicht gelingen. Denn so beweist ihm oder ihr ja niemand, wie es wirklich ist. In ihrem Kopf bleibt das übliche Me­dienbild, das bewusst diese Stereo­typen aufrecht erhält.

 

Jugendliche ziehen sich in sich zurück und verstecken sich. 

Häufige Folgen: Entweder die Jugend­lichen fühlen sich mit ihrer von dem Vorurteil abweichenden Art völlig allein auf der Welt, einem Gefühl der Einsamkeit und Ohnmacht, dass eine für Außen­steh­ende sicherlich ungeahnt große Verzweiflung hervorrufen kann. Oder sie versuchen, sich vor der eigenen Homo­sexualität zu flüchten, sei es, indem sie sich selbst wider Willen eine Freundin/ einen Freund zulegen oder indem sie all ihre Energie nicht in ihr soziales Leben, sondern in die Schule, den Beruf oder davon fernliegende Hobbys stecken. Es ergeht bei weitem nicht jedem homosexuellen Ju­gendlichen so wie Sven und Christoph, die sich und damit einen anderen als Stütze und Selbstbestätigung gefunden haben.

 

Und wenn sich die beiden nicht gefunden hätten? Jeder wäre wohl mit dem Be­wusstsein, dass er „eigentlich nicht auf Mädels steht", zunächst weiter allein durchs Leben gelaufen. Denn es ist verständlicherweise sehr schwer, ohne weiteres Kontakt zu anderen schwulen Jungs zu bekommen. Ansehen kann man es ihnen nicht, und sie sind meist doch sehr erfolgreich damit beschäftigt, es jedenfalls in diesem Alter zu verbergen.

 

Hilfen und Kontakte in Internet  und Jugendgruppen


Eine Kontaktmöglichkeit zu anderen Ju­gendlichen bietet z.B. das Internet. Es gibt zahlreiche Seiten, die unter dem Ober­begriff „Onlinemagazine für schwule Jug­endliche" o.ä. firmieren und es sich zur

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Hilfe ist oft nicht leicht zu finden.

Auf­gabe gemacht haben, jenseits der zahlreichen üblen Sexseiten den Jugend­lichen ein seriöses Forum zu bieten mit News, Informationen, Ge­schichten, Chats und Kontakt­anzei­gen, durch die man evtl. auch andere Jungs (oder Mädels) in seiner Nähe finden kann. Das Internet ist deswegen so gut geeignet, weil es anonym und im Gegensatz zu schwul-lesbischen Jugend­gruppen selbst im hintersten Dorf „gefahrlos" zugänglich ist.

 

Ein anderer Weg für Jugend­liche, Gleich­­al­tri­ge in der selben Situation kennen zu lernen, sind schwul- lesbische Jugend­gruppen, die es ei­gentlich in jeder größeren Stadt gibt (Eine ausführliche Liste findet man im Internet bei www.­lam­bda-online.de.), so z.B. auch in Mül­heim an der Ruhr (www.enterpride.de), woher einige der Fotos zu diesem Artikel stammen. Allerdings ist die Hemm­schwelle für die Jugendlichen, allein dorthin zu gehen, sehr hoch. Einerseits ist da die allgemeine Ungewissheit, was einen dort erwartet, andererseits aber auch die sicherlich unbegründete Angst davor, dort Bekannte zu treffen, die einem vielleicht schaden könnten. 

 

Wie ging es weiter mit Sven und Chris­toph? Sie sind schweigend nebeneinander nach Hause geradelt, nur zur Verabschie­dung schnell ein „Bis dann!", als sich in der Siedlung ihre Wege trennten. Zu Hause ist jeder direkt auf sein Zimmer gegangen, hat sich aufs Bett gehauen und nachgedacht. Nach und nach war das Erlebte schon nicht mehr so schockierend, und die Sehnsucht, den jeweils anderen wiederzusehen, ge­wann Oberhand. Sven griff zuerst zum Tele­fon, zwei Tage nach der Radtour. „Hi!" Ge­genseitiges An­schwei­gen. „Hast Du nicht Lust, ‘ne Runde Fahrrad zu fahren?", fragte Sven zögernd. „Ja klar, um drei bei der Kirche.", antwortete Christoph hastig. Sie sehen sich wieder, ihnen gelingt es, darüber zu reden, bald sind sie zusammen. Das fällt niemandem auf, weil sie es nicht zeigen, so dass sie jeder für zwei 16jährige Kumpels hält. Doch auch wenn sich ihre Eltern schon wundern, warum die beiden immer so viel gemeinsam

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Gewähltes oder gar erzwungenes Verstecken?

unternehmen, wird es ihnen doch erst klar, als Svens Mutter beim Putzen in seinem Zimmer eine Geburts­tagskarte findet, die mit dem Satz endet: „Ich liebe Dich. Christoph."

 

Sie ist völlig schockiert, bricht in Tränen aus und stellt Sven zur Rede, der ihr entsetzt und zitternd die Wahrheit gesteht. Christophs Eltern nehmen das Ganze eher gelassen hin; Svens Eltern jedoch kommen mit ihrem Sohn fortan nicht mehr klar. Er ist ein Einzelkind. Also keine Enkelkinder? Und was mögen die anderen denken, wenn es sich herumsprechen sollte? Was haben sie falsch ge­macht? Ihn zu oft mit Puppen spielen lassen? Ihn „zu weiblich" erzogen? Svens Vater spricht mit seinem Sohn, wenn überhaupt noch, dann je­denfalls nie über dieses Thema; seine Mutter bricht auch nach Wochen noch jedes Mal in Tränen aus, wenn Sven sagt, er träfe sich jetzt mit Christoph. Allerdings haben sie Sven ge­währen lassen und nicht versucht oder es nicht geschafft, ihm den Umgang mit Christoph zu verbieten. Sven ist daraufhin immer häufiger bei Christoph, weil dessen Eltern ihn voll als Freund ihres Sohnes akzeptieren. Er isst mit Christoph bei ihnen am Tisch zu Abend, sie nehmen ihn mit ins Erlebnisbad, wenn sie mit Christoph und seinen jüngeren Geschwis­tern dorthin fahren, und sitzen mit den beiden am Som­mer­abend gemeinsam am Gartentisch und reden. Von seinen eigenen Eltern entfernt sich Sven jedoch immer mehr.
 

 

Hier geht es zum zweiten Teil: Über Coming Out und die Erlebnisse homosexueller Jugendlicher in ihren Jugendfeuerwehren und die Frage, wie man als Betreuer am besten mit solchen Situationen umgeht.

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