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Wie ich meine Heimat schätzen lernte

Titelthema Lauffeuer Oktober 2014

Wie ich meine Heimat schätzen lernte
Mona in den USA beim Kürbisschnitzen

Im Oktoberheft des Lauffeuers geht es um das Thema Heimat. Mona berichtet von ihrem Austauschjahr in den USA und wie Sie ihre Heimat schätzen lernte:

 

Heimat – was bedeutet das? Ich wusste es nicht, bevor ich nicht zehn Monate lang von zu Hause weg war. Das erste Mal so richtig. Klar, man war mal auf Klassenfahrt oder auch schon in einem anderen Land für den Frankreich-Schüleraustausch, aber so ganz auf sich allein gestellt zu sein, war neu für mich. Ich stellte es mir allerdings nicht zu schwierig vor – trotz detaillierter Vorbereitung durch meine Austauschorganisation. Meine Schwester hatte bereits ein einmaliges und unvergessliches Jahr hinter sich gebracht und in Deutschland hielt mich nichts. Für mich konnte das Abenteuer beginnen – ich war bereit und erwartungsvoll!

„Wann geht es endlich los? Mein Abenteuer kann beginnen! Deutschland ist irgendwie langweilig…“

Ich verstand mich blendend mit meinen Freunden und hatte noch einen ereignisreichen letzten Sommer mit ihnen, aber gerade weil wir uns so gut verstanden, dachte ich, unsere Freundschaft hält wohl ein Jahr aus. Sie waren also auch kein Faktor, der mich von meinem Traum abgehalten hätte.

Deutschland – das hieß für mich: streng auf eine bürokratische Weise, distanziert, professionell. Aber keineswegs Spaß. Den wollte ich im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten haben“, wo die Leute so viel cooler schienen und offener und spontaner. Dass ich mich an gewisse Regeln halten musste, war mir noch gar nicht so bewusst. Im Klartext heißt das, dass ich zwar Spaß hatte ohne Ende, dass die Möglichkeiten aber dennoch begrenzt waren.

Unabhängig zu sein, ist schwierig ohne Auto und wenn man nicht in Laufnähe der Schule wohnt. Ich bin unabhängiger geworden, keine Frage, aber mehr in meinem Denken, nicht mobiler. Wenn man also jeden Tag vom Sport abgeholt werden muss, ist die Unabhängigkeit ganz davon – was übrig bleibt, ist Dankbarkeit. Das ist auch wichtig, um mit seiner Gastfamilie ein gutes Verhältnis aufzubauen. Ich bin nicht nur dankbar dafür, dass man mich abgeholt hat, sondern auch dafür, dass ich jetzt nicht mehr für selbstverständlich nehme, wenn mich meine Eltern rumkutschieren. Dennoch kann solch ein „ride home“ irgendwie zwischen dir und deiner Gastfamilie stehen; ich drücke es mal so aus: Durch das ständige sich Benehmen und das dankbar Sein ist es kein lockeres Verhältnis. In solchen Momenten musste ich dann schon viel an zu Hause denken und mit welcher Leichtigkeit ich meine Mutter fragen konnte: „Hey, kannst du mich mal eben zur Jugendfeuerwehr bringen?“

Unabhängig von der Unabhängigkeit war das Familienleben der Tompsons* keineswegs so, wie ich mir das vorgestellt hatte, nachdem sie mir gemeinsame Mahlzeiten „vorgegaukelt“ hatten und ein Bild des separaten „Frühstücksbereiches“ geschickt hatten. Es hieß: „Dinner is ready!“ durch das ganze Haus und man nahm sich, wann auch immer man gerade Hunger hatte bzw. Lust runterzukommen.

Erzählte ich von meinem Tag in der Schule? Wusste meine Gastmutter, wer meine Freunde waren? Mal ganz zu schweigen von meinem Gastvater, der mich auch nur mal nach meiner Kultur fragte, um sich seine oberflächlichen Eindrücke von einer kurzen Deutschlandreise bestätigen zu lassen. Ich schob es auf mein neues Leben, in dem ich erst mal und erstmals allein zurechtkommen musste. Wir redeten und lachten viel, aber das Zwischenmenschliche, das ich von Mama, Papa und Eva gewöhnt war, vermisste ich sehr. Die Konversationen waren irgendwie oberflächlicher. Das sage ich aber jetzt: im Nachhinein. Mitten drin im Wirrwarr der Anpassung, des Kulturschocks und der neuen Umstände habe ich – so naiv wie ich bin – gar nicht gemerkt, dass meine Gastfamilie gar nicht so sehr zu mir passte, wie ich es mir einbildete.

Nachdem meine Gastschwester und ich warm geworden waren, behandelte sich mich schnell eingebildet und mit fordernden Untertönen. Ob das der Neid war, der aus ihr sprach? Ich muss sagen, ich war gut in der Schule, freundlich und offen, nicht scheu, wenn ich mich für zehn Monate ins Ausland traute. Ich habe das Gefühl, dass sie noch nicht wusste, wer sie selbst war und diese problematische Situation versucht hat, mit Ablenkung durch ein neues Familienmitglied zu lösen. Sie hatte sich immer eine Schwester gewünscht. Das Gute war: Ich wurde als solche akzeptiert. Das Schlechte war: Sie wusste nicht, wie man mit Schwestern umgeht, da sie nur einen älteren, ziemlich rebellischen Bruder hatte. Nur eine kleine Anekdote, die keine Beschwerde sein soll, sondern eher ein Versuch, zu zeigen, dass manche Amerikaner engstirnig sind (Ich schreibe „manche“, weil ich auch das Gegenteil bei ein paar Leuten in meiner Schule erlebt habe: bei tollen und einzigartigen Freunden und Lehrern.) und dass Madison verwöhnt und überhaupt nicht empathisch ist: Ich frage meinen Mathe-Lehrer, ob er mir eine Frage bezüglich Madisons Hausaufgaben von der Uni beantworten kann. Ich schaffe es nicht, ihr die Methode nahezubringen, was zugegebenermaßen an ihrem mangelnden Mathematik-Verständnis liegt, und sie sagt mir ins Gesicht, ich sei sch***e. Das hat mich sehr getroffen, denn ich hatte mein Bestes gegeben. Naja, das hat etwas mit Familie zu tun und deswegen habe ich mein Jahr auch nicht weniger genossen – ich empfehle jedem ein Austauschjahr, weil man so viel über das Leben, die andere Kultur, seine eigene Kultur und vor allem über sich selbst lernt! Nur solche Momente haben mir eben gezeigt, dass zu Hause alles ein bisschen einfacher ist und man offen und ehrlich zueinander ist – Werte, die ich fern der Heimat ein wenig vermisst habe.

 

Es ist interessant, wie schnell sich die Bedeutung von „home“ verändern kann. Im Urlaub ist das Hotel für mich „zu Hause“; dennoch gibt es für mich nur ein richtiges Daheim.

 

Beim Sport habe ich an sehr anstrengenden Tagen manchmal gesagt, ich wolle nach Hause gehen. Meine Kameraden haben mich daraufhin gefragt, welches zu Hause ich meinte. Das zeigte mir, wie schnell sich der Begriff „home“ verändert, wie man ihn vielseitig benutzen kann. Normalerweise meine ich damit die Unterkunft, in der ich ein Bett und ein Dach über dem Kopf habe, etwas zu essen. Tiefgründiger definiere ich meine Heimat aber als das Haus, in dem ich aufgewachsen bin.

 

Die Heimat

So richtig bin ich noch nie umgezogen; einmal ins Ausland, aber sonst habe mein ganzes Leben in derselben Stadt verbracht. Ich kann mir gut vorstellen, dass Leute, die schon öfter umgezogen sind, ihr zu Hause nur schwer definieren können, weil ihre Umgebung ständig wechselt. Dort, wo man seine Freunde (gefunden) hat, ist ja auch ein Stück weit zu Hause. Generell bin ich aber der Meinung, man kann es nicht wirklich und hundertprozentig definieren, man muss es fühlen. „Home is where the heart is.“ Dieses schöne Zitat trifft meiner Meinung nach total zu. Meine Gastfamilie hat mir zehn Monate lang ein tolles Haus und eine gute Umgebung geboten und ich habe mich durchgehend wohlgefühlt. Dennoch machen es die Verhältnisse aus, und mir sind dann Mama und Papa lieber.

Nach so ungefähr dem achten Monat freute ich mich schon wieder auf Deutschland – da war dann ganz verflogen, wie „langweilig“ ich mein Heimatland zuvor gefunden hatte. Selbst die manchmal nervige Bürokratie habe ich gegen Ende meines Aufenthaltes vermisst, die deutsche Kultur, sonntags gemütlich zu frühstücken, ein deutsches Frühstück und nicht warmes Rührei und Rösti. Ich vermisste die eher mürrischen Leute  – ich wollte, wenn ich in ein Geschäft betrat, nicht sofort übertrieben überschwänglich willkommen geheißen werden und ich wollte auch in Restaurants nicht zum Platz geführt werden, sondern mir selbst den schönsten Tisch aussuchen. Es mag ein Vorurteil sein, aber ich vermisste auch das Sauerkraut, zumal mich mein Gastvater manchmal „Kraut“ genannt hat.

Die Rückkehr in die Heimat war dann zwar ersehnt, aber auch wieder total ungewohnt. Das erste, was mir aufgefallen ist, war, dass ich mir größer vorkam und alles so niedrig wirkte. Das war ziemlich  komisch. Mir ist dann in den Sinn gekommen, dass die Tompsons ca. vier Meter hohe Decken hatten. Aber wieder in ein friedliches und harmonisches Familienleben zurück zu kommen, war das Beste.

Mein Auslandsjahr hat mir also vieles gelehrt: vor allem, die Dinge, die einem im Alltag lästig vorkommen, wertzuschätzen. Eine Umgebung, in der du dich wohlfühlst und dich seelisch zu Hause fühlst, macht dich glücklich und stark.

You can build a house, but not a home. Du kannst ein Haus bauen, aber kein zu Hause.

 

Heimat heißt für mich sonntägliche Gemütlichkeit und Wertschätzung der Umgebung. Auch wenn es toll ist, zu Hause zu sein, bin ich gern weit weg – solange ich mit meiner Familie reise.

 

 

* Namen wurden geändert.

 

 

 

Mona Fromm

Mona berichtet über ihre Zeit in den USA und was Heimat für sie bedeutet
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