Kursbuch Erste Hilfe

Bei dtv gibt es Neues zur Ersten Hilfe. Mit vielen Bildern und ganz eigenem Konzept.

Kursbuch Erste Hilfe

Die Adventszeit naht und mit ihr die Jugendfeuerwehr-Weihnachtsfeier. Natürlich machst Du Dir Gedanken über Feuerwehr-Weihnachtsgeschenke. Es gibt da eine Idee. Bei dtv ist vor wenigen Wochen die zweite Auflage des "Kursbuches Erste Hilfe" erschienen. Lauffeuer-Online sprach mit Dr. Harald Karutz, der das Buch gemeinsam mit seinem Mitautor Dr. Manfred von Buttlar erarbeitet hat.

 

 

 

Was hat Sie vor Jahren motiviert, das Kursbuch in seiner Erstauflage gemeinsam mit Ihrem Mitautor Manfred von Buttlar zu erarbeiten und herauszugeben?

 

Ehrlich gesagt: Die verfügbaren Erste-Hilfe-Bücher haben mir nicht besonders gut gefallen. Irgendetwas hat immer gefehlt, so zum Beispiel Hinweise zur Notfallverhütung oder auch Informationen über psychologische Aspekte der Hilfeleistung. Bis heute ist unser Erste-Hilfe-Buch das einzige auf dem Markt, in dem der psychischen Betreuung von Notfallpatienten ein eigenes, recht umfangreiches Kapitel gewidmet ist.

 

Ich bin aber auch selbst ein visueller Lerntyp - also jemand, der Informationen, wie viele andere Menschen auch, besonders gut über Bilder aufnehmen kann. Ein Bild sagt nun einmal mehr als tausend Worte - die meisten Erste-Hilfe-Bücher sind meines Erachtens aber nur spärlich bebildert. Also haben wir angefangen, für Abhilfe zu sorgen!

 

 

Wie vermittelt das "Kursbuch Erste Hilfe" die nötigen Kenntnisse? Unterscheidet es sich von anderen Werken? Offenbar hat mit Jörg Mair ja sogar ein Illustrator mitgewirkt...

 

Das Besondere an unserem Buch ist die Verknüpfung von Text und Bildern sowie die sehr systematische Gliederung. Jede Erste-Hilfe-Situation wird mit mindestens drei Zeichnungen dargestellt, die dem bereits angesprochenen Taktikschema „Erkennen - Überlegen - Handeln" entsprechen: Eine Abbildung zeigt die Notfallsituation bzw. die jeweiligen Krankheitssymptome. Es folgt ein Schaubild, in dem kurz und prägnant auf die drohenden Gefahren hingewiesen wird. In einer dritten Skizze ist dann erkennbar, welche Maßnahmen durchgeführt werden müssen.

 

Um die Orientierung zu erleichtern, haben wir auf eine sehr einheitliche und übersichtliche Gestaltung der Abbildungen geachtet. Beispielsweise ist der Notfallpatient immer rot, der Ersthelfer immer grün gekleidet. Auch wiederkehrende Symbole, etwa „Notruf absetzen" oder „Vitalfunktionen kontrollieren", sind im gesamten Buch identisch dargestellt. Dazu kommen Merksätze, die immer auf grünem Grund zu finden sind usw.

 

Damit die wichtigsten Informationen sofort sichtbar sind, hat der Grafiker die Abbildungen nach unseren Vorschlägen außerdem auf das Wesentlichste reduziert. Teilweise sieht das aus wie ein Erste-Hilfe-Comic, aber genau das ist auch beabsichtigt.

 

Insgesamt basiert das Buch auf einem didaktischen Konzept. Das wird auch an der Anordnung der einzelnen Kapitel bzw. daran deutlich, wie wir bestimmte Notfälle „einsortiert" haben. Notfälle durch die Zuckerkrankheit stehen in vielen anderen Erste-Hilfe-Büchern irgendwo im Anhang. Das auffälligste Symptom bei Zuckernotfällen sind aber Veränderungen des Bewusstseins. Also haben wir die Überzuckerung und die Unterzuckerung in die Darstellung der übrigen Bewusstseinsstörungen integriert. Für uns war wichtig, dass ein Ersthelfer im Notfall so schnell wie möglich findet, wonach er sucht. Dabei hilft ihm nicht zuletzt auch ein umfangreiches Stichwortverzeichnis.

 

 

Welche Neuerungen haben sich seit dem Erscheinen der Erstauflage vor acht Jahren ergeben? Gab es "Revolutionen" in der Ersten Hilfe?

 

„Revolutionen" gab es nicht, aber viele neue Erkenntnisse aus der notfallmedizinischen und notfallpsychologischen Forschung. Bei der Wiederbelebung hat die Herzdruckmassage aus heutiger Sicht beispielsweise eine viel größere Bedeutung als die Atemspende. Vor einigen Jahren war das genau anders herum!

Das Kühlen von Verbrennungen wird inzwischen etwas kritisch gesehen. Man hat die Erfahrung gemacht, dass ein zu lang andauerndes Kühlen oder eine besonders großflächige Kaltwasseranwendung auch zu starken Unterkühlungen führen kann. Auch weiß man heute, dass das Kühlen einer Verbrennung eigentlich nur dann sinnvoll ist, wenn es sofort erfolgt. Ansonsten ist es praktisch nutzlos, vielleicht sogar schädlich.

 

Bei der stabilen Seitenlage wird seit einiger Zeit eine andere Technik empfohlen als früher. Die Herstellung der Seitenlage ist für Ersthelfer dadurch sehr viel einfacher geworden.

 

Im Bereich der Notfallpsychologie hat man viele neue Erkenntnisse darüber gewonnen, wie Menschen Unglücke erleben und welche Folgen daraus resultieren können. Heute weiß man zum Beispiel viel mehr über Stress in Extremsituationen, einzelne Belastungsfaktoren und Posttraumatische Belastungsstörungen. Dementsprechend gibt es gut organisierte Notfallseelsorgesysteme und Kriseninterventionsdienste. Auch das haben wir in die zweite Auflage unseres Buches aufgenommen.

 

 

Haben Sie schon vor Ihrer Tätigkeit im Rettungsdienst bzw. in der Rettungsdienstausbildung einmal selbst Erste Hilfe leisten müssen?

 

Wenn ich ein wenig nachdenke, fallen mir mehrere Situationen ein, in denen ich schon vor meiner Ausbildung zum Rettungsassistenten Erste Hilfe geleistet habe. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Fahrt im Fahrschulwagen, als ich gerade 18 Jahre alt war: Am Straßenrand lag eine schwer verletzte, stark blutende und bewusstlose Person, die mein Fahrlehrer zunächst überhaupt nicht wahrgenommen hat. Entsprechend wunderte er sich dann, wieso ich plötzlich so stark gebremst habe und ganz eilig aus dem Auto gesprungen bin. Ich weiß auch noch sehr genau, wie aufgeregt ich damals gewesen bin!

 

Noch mehr beeindruckt hat mich aber, dass ich als kleiner Junge im Alter von fünf oder sechs Jahren eine Wiederbelebung miterlebt habe, die leider erfolglos ausging. Ich hätte damals gern selbst geholfen, wusste aber nicht so recht, was ich tun sollte. Wer weiß - vielleicht hat dieses Erlebnis sogar dazu beigetragen, dass ich später in das Deutsche Rote Kreuz eingetreten und zunächst Schulsanitäter, dann Erste-Hilfe-Ausbilder und Rettungsassistent geworden bin.

 

 

Wie würden Sie jemanden zu ermuntern versuchen, seine Kenntnisse in Erster Hilfe aufzubessern?

 

Zwang und Druck sind sicherlich unangebracht, stattdessen sollte man intensiver als bisher über die Bedeutung und die Notwendigkeit der Ersten Hilfe informieren. Ob ein Notfallpatient überlebt oder nicht, hängt beispielsweise weniger von der Arbeit des Rettungsdienstes ab als von den Maßnahmen eines Ersthelfers. Wenn nach einem Herz-Kreislaufstillstand nicht sofort mit der Wiederbelebung angefangen wird, kommt der Rettungsdienst mit all seinen Möglichkeiten zwangsläufig zu spät.

 

Über solche Zusammenhänge müsste viel mehr Aufklärung erfolgen. Man sollte auch darauf hinweisen, dass die Wahrscheinlichkeit Erste Hilfe leisten zu müssen, im privaten Umfeld viel höher ist als irgendwo in einem Straßengraben. Aber ganz davon abgesehen: Es ist doch wirklich einfach, helfen zu lernen -  und es kann sogar Spaß machen!

 

 

Was zeichnet aus Ihrer Sicht einen guten Ersthelfer aus?

 

Jeder, der hilft, ist ein guter Ersthelfer! In den meisten Fällen kommt es nicht darauf an, dass jede Maßnahme sozusagen lehrbuchmäßig durchgeführt wird - die Hauptsache ist, jemand traut sich und tut überhaupt etwas!

Wenn jemand dann trotz der eigenen (und sehr verständlichen!) Aufregung in einem Notfall vielleicht sogar noch halbwegs ruhig bleiben kann und die wesentlichsten Grundsätze der Hilfeleistung beachtet - dann ist das doch toll. Mehr kann man kaum erwarten.

 

 

Was unterscheidet den Ersthelfer von den "Profis" im Rettungsdienst?

 

Zwischen Ersthelfern und den Mitarbeitern im Rettungsdienst gibt es viele Unterschiede, aber auch einige Gemeinsamkeiten. Die Profis sind natürlich viel intensiver ausgebildet, sie haben auch mehr Erfahrung mit Notfällen und üblicherweise eine umfangreiche Ausrüstung dabei.

 

Ersthelfer müssen in der Regel ohne Hilfsmittel auskommen. Sie sind auch mental nicht so gut vorbereitet, weil ein Notfall für sie meist völlig unerwartet auftritt. Man rechnet doch eigentlich nicht damit, dass gleich etwas Schlimmes passiert. Rettungsdienstmitarbeiter haben in dieser Hinsicht einen großen Vorteil: Wenn sie ihren Dienst beginnen, dann können sie sich schon darauf einstellen, dass wenig später der erste Einsatz erfolgt.

 

Was Ersthelfer und Profis verbindet, sind aber die grundsätzlichen Anforderungen: Das taktische Vorgehen („Erkennen - Überlegen - Handeln") und die Notwendigkeit zur Improvisation - das ist bei Ersthelfern und den Profis gleich.

 

 

Gibt es aus Ihrer Sicht Aspekte, die bei der Ausbildung von Ersthelfern in Deutschland verbesserungswürdig sind?

 

Dazu müsste man eigentlich ein eigenes Buch schreiben: Die Situation der Ersthelferschulung in Deutschland ist insgesamt leider nicht sehr befriedigend. Erste Hilfe müsste endlich bundesweit in die Lehrpläne der allgemein bildenden Schulen aufgenommen werden. Ich meine auch, dass die Inhalte des üblichen Erste-Hilfe-Kurses überarbeitet werden sollten. Das Verhalten bei Wohnungsbränden und Großschadenslagen sowie das Verfassen von Patientenverfügungen sind nur einige Aspekte, auf die man zukünftig viel ausführlicher eingehen könnte. Ich fände auch hilfreich, wenn das Verhalten in Bedrohungs- und Konfliktsituationen thematisiert werden würde - und vielleicht könnte der Notfallverhütung, also der Prävention, noch ein höherer Stellenwert eingeräumt werden.

 

 

Können/Sollten auch Kinder oder Jugendliche vermehrt in Erster Hilfe ausgebildet werden? Gibt es Unterschiede zu Erwachsenen?

 

Kinder und Jugendliche sollten unbedingt Erste Hilfe lernen! Hier gelten die schönen Sprüche: „Früh übt sich" und „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans auch nicht mehr". Wichtig ist aber noch ein weiterer Aspekt: Denn wer in einem Notfall helfen kann, fühlt sich weniger hilflos und ohnmächtig. Wenn man Kindern vermittelt, wie sie sich in einem Notfall verhalten sollen, hilft das also auch bei der psychischen Verarbeitung des Erlebten.

 

Unterschiede gibt es insofern, als Kinder vielleicht etwas unbefangener als Erwachsene an die Thematik herangehen. Meine Kollegen und ich machen in Erste-Hilfe-Kursen für Kinder oft die Erfahrung, dass Jungen und Mädchen hoch motiviert und extrem wissbegierig sind. Sie helfen ausgesprochen gern, man muss sie nur lassen!

 

Natürlich muss die Erste-Hilfe-Ausbildung methodisch und inhaltlich an den jeweiligen Entwicklungsstand der Kinder angepasst werden. In den vergangenen Jahren sind aber schon viele gute Arbeitshilfen und Materialiensammlungen entwickelt worden. Jetzt muss man sie nur noch einsetzen!

 

 

Zum Abschluss eine schwierige Frage: Haben Sie den Eindruck, dass Menschen heute auch bezüglich Erster Hilfe in manchen Situationen lieber weggucken als anpacken?

 

Mit solchen Aussagen bin ich sehr vorsichtig. Ob Menschen in einem Notfall Hilfe leisten oder nicht, hängt immer von vielen Faktoren ab. Hemmschwellen, die von der Hilfeleistung abhalten, sind beispielsweise die Angst davor, etwas falsch zu machen oder für einen Fehler bestraft zu werden. Einige Ersthelfer befürchten sicherlich auch, sich bei der Hilfeleistung selbst zu gefährden oder mit einer ansteckenden Krankheit zu infizieren.

 

Dann muss man die Gruppendynamik am Notfallort beachten. Sind besonders viele Menschen anwesend, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass geholfen wird. Dies bezeichnet man als Verantwortungsdiffusion oder „pluralistische Ignoranz". Jeder denkt sich: Warum sollte ich etwas tun? Es kann doch ein anderer helfen!

 

Grundsätzlich glaube ich aber an das Gute im Menschen. Natürlich habe ich im Rettungsdienst viele Notfälle erlebt, bei denen niemand Erste Hilfe geleistet hat. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass Menschen heute lieber wegschauen als zu helfen: In vielen Situationen wird durchaus geholfen! Wenn das nicht geschieht, muss man sorgfältig nach den Ursachen forschen und überlegen, wie man die Hilfsbereitschaft tatsächlich steigern kann. Pauschale Kritik an der Bevölkerung greift hier meines Erachtens viel zu kurz!

 

 

Lauffeuer-Online dankt für das Gespräch!

 

Dr. Harald Karutz (Jahrgang 1975) ist Diplom-Pädagoge und Lehrrettungsassistent. Gemeinsam mit Jörg Schievekamp leitet er das Notfallpädagogische Institut, eine Berufsfachschule für den Rettungsdienst in Essen. Bei der dortigen Feuerwehr ist Harald Karutz ehrenamtlich als Fachberater für die psychosoziale Unterstützung aktiv, außerdem ist er Sprecher einer Arbeitsgruppe des Deutschen Berufsverbands für den Rettungsdienst (DBRD).

 

 

jh

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