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Mein Tag

...und doch sicherlich nicht nur meiner.

Mein Tag

Es gibt sie nicht nur manchmal, diese Sonntage: Da stehe ich allein in unseren Jugendfeuerwehrräumen und sehe mir die vielen Fotos an, die wir an den Wänden aufgehängt haben. Völlige Stille im dem Raum, wo die Jugendlichen ihre Spinde haben und sonst laut herumblödeln. Jetzt ist aber kein Mensch außer mir hier, geschweige denn in der ganzen Feuerwache. Es ist ein wenig so wie im „Club der toten Dichter": Man kann sich ganz nah an die alten und neuen Fotos heranlehnen und horchen, ob die heutigen und früheren Ausbilder und Jugendlichen auf ihnen einem nicht doch leise ein „Carpe diem! - Nutze den Tag!" zuflüstern.

 

Ich lasse den Blick durch den Raum schweifen. Einer neben dem anderen stehen mit verschlossenen Türen die Spinde in Reih und Glied den Wänden, daran die Namen der Jungs. (Die Mädels haben eine andere, eigene Umkleide.) All diese Jugendlichen werden zu den jungen Menschen gezählt, von deren sozialem Engagement bei vielen Veranstaltungen immer lobend gesprochen wird. Und vor nicht allzu langer Zeit stand auch mein Name noch an einem dieser hellgrauen Spinde.

 

Ich gehe rüber ins Büro und schaue aus den schönen, großen Fenstern raus auf die Felder. Man hat unsere Wache damals an den Rand der Stadt gebaut, was allerdings so lange her ist, dass ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht geboren war. Aus der wohligen Wärme im Büro schaue ich hinaus auf die Felder, die in grau-nassem Winternebel verschwinden. Außer des Gluckerns der Heizung kein Geräusch. Niemand sonst hier, der sich offenbar an diesem (Sonn-) Tag um die Geschicke seiner Feuerwehr kümmern muss. Und das Geräusch der Heizung erinnert mich schon wieder böse daran, dass sie ja eigentlich hätte entlüftet werden sollen.

 

Ich setze mich an den Schreibtisch neben den Poststapel, den ich gerade aus unserem Fach geholt habe, und schlage meinen Kalender auf. Am Montagabend ist Kommandositzung, und ich weiß jetzt schon, was mich erwartet: Einerseits will mich unser stellvertretender Chef für die Ausarbeitung irgendeines Konzeptes über GSG-Einsätze einspannen. So viel zum angenehmen Teil, auch wenn es zusätzliche Arbeit bedeutet. Andererseits werden sich zwei unserer sieben

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Feuerwehr - zeitlos?

Zugführer - mal wieder - tierisch darüber aufregen, dass die Jugendlichen heutzutage ja wirklich überhaupt nichts mehr können, wenn sie aus der Jugendfeuerwehr in die Einsatzabteilung übertreten, und außerdem ja alle sofort nach dem Übertritt aus der Feuerwehr austreten (Warum wohl gerade diejenigen in deren beiden Zügen?). Diese Diskussionen sind ein Preis, den ich nun dafür zahle, dass ich aus den Verhandlungen um einen zusätzlichen Raum für die Jugendfeuerwehr und dadurch ein Büro weniger für die Zugführer als Sieger hervorgegangen bin. Glück nur, dass unser Wehrführer das richtig einzuschätzen weiß.

 

Eine Stunde vor der Kommandositzung werde ich noch bei den Eltern eines unserer Jugendlichen sein. Er ist Einzelkind und, was ich wohl nicht laut sagen werde, immer ein wenig sehr verhätschelt worden. Jedenfalls kommt er nicht damit klar, auf Fahrten und auch im sonstigen Jugendfeuerwehralltag in einer Gruppe zu leben und mit anderen zusammen zu sein. Er ist nicht aggressiv, aber total verkrampft, und will trotz Spaß an der Sache allem eines: Raus aus der Jugendfeuerwehr.

 

Ganz anders sehen das seine Eltern. Also werde ich nun schon zum zweiten Mal in diesem mir fremden Wohnzimmer sitzen und mich in einer etwas verkrampften Situation nach Ideen ausfragen lassen, wie man denn dem Christian den Spaß an der Feuerwehr erhalten könne. - Und? Habe ich Ideen? Bis jetzt jedenfalls keine neuen, so dass wohl morgen mal wieder eine Mittagspause dabei draufgehen wird, mir gedanklich was zurechtzulegen. Dienstag dann Übungsdienst der Jugendfeuerwehr. Organisation der Ausbildung usw. ist delegiert auf einen anderen Betreuer, bleibt nur zu hoffen, dass nicht so viele Ausbilder fehlen, dass ich nicht auch Ausbildung machen muss. Dann könnte ich die beiden gebrauchten PC's, die wir gestiftet bekommen haben, in der Firma dort abholen und hätte einen Termin diese Woche gespart. Bisher hat sich noch kein Ausbilder abgemeldet. Ich hoffe, das bleibt so.

 

Mittwoch. Ich glaube es kaum: Es steht nichts im Kalender! Und Donnerstag? Da werde ich wohl den Abend am Schreibtisch verbringen, weil wir noch Weihnachtskarten an die Eltern sowie an unsere Gönner und Spender versenden müssen. Irgendwer (also ich) muss noch heraussuchen und bestimmen, wer darunter fällt. Immerhin: Schreiben und Versand übernimmt ein anderer Ausbilder. Eigentlich sollte ich ja Donnerstag auch noch zu meinen Eltern, um ihnen bei irgendwas im Haus zu helfen. Naja, das muss dann wohl bis Freitag warten, denn da habe ich erst ab 19 Uhr Übungsdienst der Einsatzabteilung.

 

Am Samstagnachmittag tagt dann zum ersten Mal unser Jugendfeuerwehr- Arbeitskreis fürs Internet: Ein Ausbilder und fünf interessierte Jugendliche, die unsere Website überarbeiten sollen. Und natürlich hat der Jugendfeuerwehrwart versprochen, an der ersten Sitzung teilzunehmen. Ich werde wohl vorher noch etwas Kuchen und Chips besorgen, um unseren Ausbilder und insbesondere die fünf Kids bei Laune zu halten. Engagement soll ja belohnt werden. Und abends?

Mit Sicherheit wird mir nicht das Gleiche wie letzte Woche passieren: In der Disko mit meinen Kollegen unterwegs, treffen sich über die Tanzfläche in der Menge zwei Blicke: Ein Mädel guckt rüber, schon zum fünften Mal. Aber es war ja schon so spät, und ich hab's einfach total vermasselt, weil ich zu k.o. war und mir die rechte Energie fehlte, wirklich was in ihre Richtung zu unternehmen. Tja, so ist das, wenn man im Gegensatz zu seinen Kollegen den ganzen Tag mit den Kiddies auf einer Kreisalarmübung verbracht hat.

 

Ich schaue wieder raus auf die grauen Felder. In der Stille schrecke ich zusammen: Mein Handy klingelt. Es ist Max, einer der Jugendlichen. Er habe jetzt ein Angebot für einen Ausbildungsplatz, wisse aber nicht, ob er annehmen solle. Seine Eltern sagen, er solle machen, was er für richtig hielte, das wiederum weiß er aber nicht, und so wolle er sich jetzt mal mit mir drüber unterhalten, und ob ich denn mal Zeit hätte. Mittwoch nachmittag oder abend vielleicht? Hey, ob er da vielleicht dann auch auf ne Pizza bleiben könnte? Naja, ein ganz freier Abend wäre wohl auch zu schön gewesen...

Mein Blick fällt zurück auf die Fotos an der Wand. „Carpe diem? - Nutze den Tag?" Wohl oft mehr, als mir selbst lieb ist. Und doch kann ich ohne all das nicht sein. Denn ich weiß nicht warum, aber der Blick an einem dieser Sonntage auf die vielen Bilder und Erlebnisse läßt das Jugendfeuerwehrdasein doch irgendwie schön erscheinen...

 

 

jh

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