„Beitrag zur schnellen und direkten Hilfe für Einsatzkräfte“

Eine wissenschaftlich begleitete App fürs Smartphone soll bei der Verarbeitung belastender Situationen helfen

„Beitrag zur schnellen und direkten Hilfe für Einsatzkräfte“
Nicht nur bei schweren Verkehrsunfällen werden Einsatzkräfte oftmals mit belastenden Bildern und Situationen konfrontiert.

Als Mitglied der Feuerwehr ist man nicht selten Situationen ausgesetzt, die psychisch belastend sein können. Dabei ist jede Belastungsgrenze individuell verschieden und die meisten belastenden Einsätze werden innerhalb weniger Tage psychisch verarbeitet. Manchmal kommt es aber zu länger andauernden Stresssymptomen. Diese können sich als wiederkehrende und sich aufdrängende, belastende Erinnerungen (Intrusionen), meist in Form von Bildern, sowie einem Gedankenkreisen im Zusammenhang mit dem Einsatz äußern. Wenn diese Symptome längere Zeit bestehen bleiben, kann dies in manchen Fällen auf die Entstehung einer Posttraumatischen Belastungsstörung hindeuten und eine möglichst frühzeitige Behandlung angemessen sein. 

Vor diesem Hintergrund entwickelt die Universität Salzburg in Zusammenarbeit mit Einsatzkräften derzeit mit dem Projekt „Stop stressful memories“ eine einfache, Smartphone-basierte App weiter, die in Zukunft aktiv zur Reduzierung von belastenden Erinnerungen und Gedanken nach einem entsprechenden Einsatz beitragen soll.

Prof. Dr. Frank Wilhelm (Universität Salzburg, Fachbereich Psychologie und Leiter der Abteilung für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Gesundheitspsychologie), M.Sc.-Psych. Simone Treuter und Dr. Michael Liedlgruber betreuen dieses aktuell in Bayern durchgeführte Projekt. Lauffeuer-online hat mit Simone Treuter über die App und ihre Entstehung gesprochen.

 

Frau Treuter, wie ist die Idee zur Entwicklung einer Smartphone-App zur Reduzierung von belastenden Gedanken an schwere Einsätze bei der Feuerwehr und den übrigen Rettungsorganisationen entstanden?

Unsere App basiert auf einem neuen, sehr spannenden Ansatz, welcher aus der Gehirnforschung stammt. Es geht darum, wie Erinnerungen verarbeitet und abgespeichert werden und dass man belastenden Erinnerungen und Gedanken nicht hilflos ausgesetzt sein muss, sondern diese recht effektiv reduzieren kann, wenn man die Vorgänge, die bei Abspeicherung und Abruf von Gedächtnisinhalten eine Rolle spielen, versteht und nutzt. Herr Prof. Wilhelm beforscht Intrusionen seit vielen Jahren. Aufgrund meines beruflichen Hintergrundes im Rettungsdienst sowie langjähriger Erfahrung im Bereich der psychosozialen Notfallversorgung starteten wir zusammen mit unserem Psychoinformatiker, Herrn Dr. Liedlgruber, welcher die App programmiert hat, das Projekt. 

Seither konnten wir die App weiterentwickeln. Sie soll nun an einer größeren Zahl an Einsatzkräften zur Anwendung kommen. Gerade nach belastenden oder traumatischen Ereignissen, mit welchen insbesondere Einsatzkräfte konfrontiert sind, ist eine leicht zugängliche sowie gezielte Hilfe sinnvoll. Dies möchten wir mit der neuen Intervention erreichen. Einsatzkräfte treten tagtäglich für das Wohl anderer Menschen ein. Mit „Stop stressful memories“ wollen wir einen wissenschaftlichen Beitrag zu einer schnellen und direkten Hilfsmöglichkeit für Einsatzkräfte leisten.

 

Kann so eine moderne Form der Mitteilung und Verarbeitung von belastenden Situationen das persönliche Gespräch mit Vertrauenspersonen oder psychologischem Fachpersonal ersetzen?

Die Intervention soll keine bestehende Hilfe im System ersetzen. Im Gegenteil, sie soll eine häufig bestehende Lücke ergänzen. Bisher basiert das sekundär präventive Hilfssystem auf zwischenmenschlicher Kontaktaufnahme, was für manche Einsatzkräfte eine Hemmschwelle darstellt. Es gibt Betroffene, die sich nicht trauen, ihr Problem anzusprechen, sich schämen oder Angst davor haben, für diese Tätigkeit nicht mehr als geeignet angesehen zu werden. 

Mit Hilfe der App sollen frühzeitig nach einem schweren Einsatz die belastenden Symptome, wie sich plötzlich aufdrängende Erinnerungen und Gedanken, reduziert werden, um präventiv einer möglichen psychischen Folgeerkrankung vorzubeugen. Zudem lernt man mit Hilfe der App auch, zielführendere Gedanken und Aktivitäten aufzubauen. So zum Beispiel Dinge, die einem gut tun, wieder aufzugreifen oder sich wieder mit einer Vertrauensperson auszutauschen. Sollten sich wider Erwarten die Symptome nicht bessern, bieten wir eine Kontaktvermittlung zu persönlicher, geeigneter Hilfe vor Ort an.  

Das Projekt wird zudem von der Kommunalen Unfallversicherung Bayern (KUVB) unterstützt und soll nach erfolgreicher Untersuchung den Einsatzkräften zukünftig weiterhin kostenlos zur Verfügung stehen. 

 

Wie lässt sich ihr Projekt konkret unterstützen und welche Voraussetzungen müssen zur Teilnahme erfüllt werden?

Weitersagen! Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer zählt! Letztlich geht es darum, dass jede Einsatzkraft in Bayern weiß, dass es eine neue Art der Unterstützung nach belastenden Einsätzen im Rahmen dieser Studie gibt. Damit wir diese Intervention jedoch wissenschaftlich untersuchen und auch zukünftig anbieten können, benötigen wir eine ausreichende Teilnehmerzahl. Deshalb liegt es nun an den Einsatzkräften, das neue Angebot zu nutzen, damit es eine Chance bekommt, die Lücke im System langfristig ergänzen zu können. Teilnehmen können Personen ab 18 Jahren nach einem belastenden Einsatz – bei Interesse und Verfügbarkeit eines Smartphones mit Internetzugang.

 

 

Persönlicher Zugang zur App und streng vertrauliche Behandlung der Daten:

Da die Intervention aktuell noch im Rahmen einer Studie untersucht wird, ist sie nicht öffentlich zugänglich. Hat man einen belastenden Einsatz erlebt, genügt eine kurze E-Mail-Benachrichtigung an simone.treuter@sbg.ac.at. Dann erhält man den Teilnahmelink zugeschickt. Dies ist aus wissenschaftlichen Gründen wichtig, damit nur diejenigen Personen teilnehmen, welche tatsächlich einem belastenden Einsatz ausgesetzt waren und die Kriterien für eine Studienteilnahme erfüllen. Alle Daten werden streng vertraulich sowie anonym behandelt und es entstehen keine Kosten für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

gr

 

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